Sechs Fragen an den Regisseur Christian Barthelmes

Das Thema „angeborene Herzfehler“ steht nur selten im Licht der Öffentlichkeit. Wie haben Sie sich dem angenähert?

Zunächst habe ich mich mit den notwendigen anatomisch-medizinischen bzw. klinischen Grundlagen befasst. Und ich habe Kinderkardiologenkongresse besucht, mich anfangs intensiv mit allen Beteiligten des Krankheitsbildes auseinandergesetzt und Gespräche geführt: mit Betroffenen, deren Eltern und Geschwistern und oft auch mit Menschen, deren Kinder oder Geschwister einen Herzfehler nicht überlebt haben. Und natürlich mit den Fachmedizinern sowie Therapeuten, Pflegekräften, Pharmazeuten, Medizintechnologen und Chirurgen.

Da mich von Anfang an vor allem die subjektive Perspektive der „Herzspezialisten“ interessiert hat, fiel es mir in den ersten Begegnungen mit den Protagonisten zunächst nicht immer leicht, die Komplexität der Problematik auszublenden und mich ausschließlich auf den Menschen und den Moment der Begegnung einzulassen.

Wie haben Sie die fünf Herzspezialisten gefunden?

Das ist in der Tat ein langwieriger Prozess gewesen und eine noch längere Geschichte. Ich hatte im Laufe eines Jahres eine Vielzahl von Kontakten, Telefongesprächen und persönlichen Treffen. Ich habe mehrfach die Treffen von Selbsthilfegruppen besucht und bin auch immer wieder gereist, um die potenziellen „Herzspezialisten“ in ihrem Alltagsleben kennenzulernen. Ohne häufigen Rückgriff auf das Nationale Register für Angeborene Herzfehler und die enge Beratung mit Dr. Ulrike Bauer und ihren Mitarbeitern wäre jedoch eine so gezielte, fachlich betreute und datenrechtlich jederzeit sorgsam geschützte Recherche nicht möglich gewesen. Anfangs gab es eine Reihe von Kandidatinnen, die zwar interessiert waren, aber aus diversen Gründen für eine Besetzung weniger geeignet waren. Und anfangs waren es fast nur Frauen. Auch gab es noch während der Dreharbeiten Umbesetzungen, weil jemand sich zu wesentlichen Aspekten seines Lebens und seiner Problematik aus beruflichen und sozialen Gründen vor der Kamera letztlich nicht äußern konnte. Das war damals keine einfache Situation.

Letztlich sind die fünf Helden diejenigen, die den Film auch wirklich mit mir machen wollten. Ihnen allen war es ein spürbares Bedürfnis sich zu zeigen, und das, was sie zu erzählen haben, auch mitzuteilen. Dass wir im Film mit dieser Besetzung in klinischer Hinsicht zudem einen beinahe repräsentativen Querschnitt der diversen angeborenen Herzfehler haben, ist eigentlich mehr Glücksfall als Kalkül ? was wir aber um so erfreulicher finden.

Wie haben Sie die Herzspezialisten dazu bewegt, Ihnen ihr Herz zu öffnen?

Es wäre wirklich interessant für mich zu hören, was die fünf darauf jeweils antworten würden.

Ich habe oft gespürt und auch vernommen, dass die Art und Weise meines Interesses am jeweiligen Gegenüber für die Betroffenen wohl anders war als üblicherweise, wenn es um ihr Herz geht. Normalerweise befindet sich doch vor allem der Defekt im Fokus: also bei ärztlichen Untersuchungen oder wenn schlecht informierte Mitmenschen unsensibel, schockiert oder unangemessen mitleidig auf das Stichwort „Herzfehler“ oder auf die Narbe reagieren. Da stellen sich manchmal ganz ungewollt hemmende Tabubarrieren auf.

Die gab es bei mir ganz zu Anfang natürlich auch. Aber die konnte ich wohl relativ schnell abbauen. Insbesondere auch durch die unkomplizierte, fachliche Heranführung durch Ulrike Bauer sowie durch die Begegnung mit einer Vielzahl von Schicksalen und Krankengeschichten.

Es ist also sicherlich die Neugier füreinander, das daraus entstehende Wissen und Verständnis des Gegenübers, das die Herzen von selbst öffnet ? ohne dass etwas oder jemand „bewegt“ werden muss. Übrigens habe ich während der Arbeit an diesem Film immer wieder erlebt, dass das Thema „Herz“ zwischen Menschen urplötzlich und unweigerlich eine enorme Intimität erzeugt. Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie eine Magie des Herzens.

Gab es bei den Dreharbeiten so intime Momente, dass Sie die Kamera ausgestellt haben?

Wir haben in der Uniklinik Homburg einen kleinen ärztlichen Eingriff, der auch im Film kurz zu sehen ist, mit einem fünfjährigen Jungen gedreht. Ich erinnere mich, dass mein Kameramann die Kamera genau da abgeschaltet hat, als der Bub die Spritze realisiert hatte und panisch zu zittern begann.

Es ist aber weniger die Frage, ob etwas zu intim ist, sondern vielmehr, was ich wie erzählen will: Daraus ergibt sich dann, was für die Kamera bestimmt ist und was nicht. Im Übrigen habe ich immer wieder versucht meinen Protagonisten bewusst zu machen, dass die Kamera eine neutrale Instanz ohne jede Scham ist. Die Entscheidung, ob ein Moment ? und sei er noch so intim ? groß und erzählenswert ist oder eben nicht, fällt allein beim Filmschnitt.

Im Film tauchen immer wieder Austern auf und dieses Motiv ziert auch das Filmplakat. Wofür stehen die Austern?

Während der Dreharbeiten sind mir mehrfach die Austern einfach so begegnet. Ohne dass ich etwa danach gesucht hätte. Irgendwann dachte ich: Das muss doch eine Bedeutung haben, irgendeinen tieferen Sinn. Dass die Austern dann in den Film gefunden haben, gehörte für mich zu den sehr wenigen Selbstverständlichkeiten während der Montage. Nicht weil ich meine, dass die Austern für etwas stehen würden. Eigentlich habe ich sie fast wie ein K?an begriffen: Sie geben mir immer wieder neu zu denken, sogar jetzt noch, da ich den Film wirklich sehr oft gesehen habe.

Vielleicht sind sie am ehesten als eine Analogie zum menschlichen Körper oder zum lebendigen Körper schlechthin geeignet. Andererseits, wenn ich eine Auster knacke, um ihr Herz oder ihre Perle zu finden, dann töte ich sie. Einen Menschen kann ich heutzutage „aufstemmen“, wie Matthias es im Film formuliert, ohne ihn zu töten. Obwohl das Herz doch tot ist, zumindest leblos, wenn an ihm operiert wird…

Für manche sind die Austern möglicherweise ein Symbol. Aber auch da würde ich mich eher zurückhalten, weil es dann wieder nur um eine Codierung und Definition geht. Ich bin extrem neugierig auf den einen oder anderen wachen Zuschauer, der mir von seiner Erleuchtung berichtet. Friedrich Hebbel jedenfalls sagt: „Das menschliche Herz soll sein wie eine Auster, es soll sich nur einmal aufschließen, um den Tau der Liebe in sich aufzunehmen, und ihn als Perle ein Leben lang in sich tragen. Wiederum soll es nicht sein wie eine Auster, es soll keine harte Schale haben.“ Nun hat der alte Dichter den Film ja aber nicht gesehen…

Eine letzte Frage: Was war für Sie als Regisseur die größte Herausforderung bei diesem Film?

Ohne Zweifel die Auseinandersetzung mit und die Bewältigung von über 60 Stunden gedrehtem Filmmaterial zusammen mit meiner genialen Cutterin Grete Jentzen. Besonders auch der zweifelhafte Spagat, einen Film zu machen, der eine gewisse Allgemeingültigkeit beansprucht, also ein großes Publikum fesseln und bewegen soll. Und der dabei gleichzeitig einem wissenschaftlichen Forschungsauftrag entsprechen soll. Ich bin sehr gespannt, ob das als halbwegs gelungen eingeschätzt wird.

Fragen an den Regisseur Christian Barthelmes

Fragen an die Produzentin Ulrike Bauer

Christian Barthelmes wurde 1963 in Saarburg geboren. Er studierte Schauspiel/Regie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und widmete sich dort ebenfalls dem Studium der Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften/ Dramatische Theorie. In seiner Karriere arbeitete Barthelmes mit vielen Größen seines Fachs zusammen: Als Regieassistent inszenierte er unter anderem gemeinsam mit Hans Neuenfels und Peter Palitzsch und an der Schaubühne Berlin arbeitete er mit Luc Bondy, Peter Stein, Jean-Marie Straub, Danièle Huillet, Andrea Breth und Robert Wilson. Als Produktionsleiter am renommierten Actors Studio in New York sammelte Barthelmes auch internationale Erfahrungen. Seit 1987 ist er als freier Theaterregisseur in Berlin und an zahlreichen Theatern im deutschsprachigen In- und Ausland tätig. Barthelmes wirkt außerdem als Autor, Regisseur, Dramaturg und Hochschuldozent im Bereich Medienkunst, Szenografie und Dramaturgie. „Herzspezialisten“ ist sein Regiedebüt als Dokumentarfilmer.

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